(Angelika Elsen-Heck, Gemeindereferentin)

Einführung: Die Botschaft von Weihnachten ist: „Fürchtet euch nicht. Die Herrlichkeit Gottes macht euer Leben hell.“ Stephanus, den wir heute feiern, war von dieser Herrlichkeit erfüllt. So kümmerte er sich nicht nur um die Witwen und Waisen, um die Apostel in ihrem liturgischen Dienst zu entlasten, sondern verkündete seinen Glauben – bis hin zum Widerstreit. Er hatte so viel Kraft, dass er für seinen Glauben sogar den Tod auf sich genommen hat. Das müssen wir hier bei uns nicht mehr. Vielmehr fragen wir heute am 2. Weihnachtsfeiertag: Wie kann die Herrlichkeit Gottes in uns wirken? Wie kann sie uns Kraft geben, um in der Dunkelheit unserer Welt zu leuchten?

Predigt: Vor ein paar Jahren habe ich in Südtirol eine außergewöhnliche Krippendarstellung entdeckt. Erst war ich nur neugierig und verblüfft. Und jetzt in der Vorbereitung der Predigt habe ich die tiefe Botschaft darin entdeckt. Es ist das Bild auf einem Flügelaltar aus dem Mittelalter, aus dem Jahr 1370 – in dem kleinen Schloss Tirol in der Nähe von Meran. Wahrscheinlich ist es der versteckten Lage in den Bergen zu verdanken, dass die Kirche dieses besondere Bild im Laufe der Jahrhunderte nicht zerstört hat. Sie werden es gleich sehen.

So wie uns heute Pandemie, Krieg und Klimakatastrophe belasten, waren die Menschen damals gebeutelt von den Folgen der Pest (auch 17 Jahre nach Ende der Pandemie war noch nichts wie vorher) und einer großen Hungersnot (durch die kleine Eiszeit gab es kalte Sommer und Missernten). Die Kirche wurde in dieser Zeit nicht unbedingt als Hilfe erlebt. Die römische Kurie kümmerte sich mehr um ihren Machterhalt und die Anhäufung von Reichtümern als um den Hunger der Menschen. Zum Teil wandten sich die Menschen von der Kirche ab. Staat und Kirche versuchten, das Unheil der Zeit in den Griff zu bekommen, indem sie Schuldige suchten, „Ketzer“, Menschen, die angeblich mit dem Teufel im Bunde standen und die sie für das Unheil verantwortlich machten. Die Inquisition führte Prozesse gegen einige Männer und sehr viele Frauen, die sie folterte und tötete. Es war eine finstere Zeit. Umso größer war die Sehnsucht nach Hoffnung, Licht und der Herrlichkeit Gottes.

Krippendarstellung aus dem Jahr 1370 in Schloss Tirol bei Meran (Foto: Angelika Elsen-Heck)

So, es fällt gleich ins Auge. Wir sehen Maria mit nacktem Oberkörper. Das ist absolut ungewöhnlich. Auf den ersten Blick wirkt es unzüchtig. Auch anderes ist fremd. Aber schauen wir genauer hin.

Das Bild ist geprägt vom Kontrast des leuchtenden Goldes, der Farbe der Erlösung, und der Dunkelheit des Lebens.

Oben sehen wir den Engel – er steht auf der Grenze beider Welten –, der dem Hirten in der Dunkelheit verkündet: „Fürchte dich nicht! In dieser Nacht ist Christus, der Retter geboren.“ Es wirkt auf mich, als ob der Hirte weiche Knie bekommt. Und er streckt seine Hand hilfesuchend nach der Hand des hoffnungsbringenden Engels aus.

Schauen wir auf die Szene im Stall. Die beiden goldenen Heiligenscheine zeigen: hier im Menschen, in der Frau und im Sohn, sind die getrennten Welten zusammengekommen. Gott ist Mensch geworden.

Wir sehen Maria, die sich um ihr Kind kümmert. Jesus liegt in einem Bottich, der aussieht wie ein Waschzuber. Davor sitzt eine Frau, die einen Wasserkrug in der rechten Hand hält und im Begriff ist, Wasser in einen Behälter zu gießen, dessen Griff sie in der linken Hand hält. Für mich will das zeigen: Es geht um eine ganz normale, menschliche Geburt.

Rechts an der Seite von Maria sitzt Josef – abgewandt und zusammengekauert. Vielleicht leidet er unter der Not. Aber vermutlich will es uns etwas anderes sagen: Er lässt sich von den Reizen der Maria nicht verführen. Er schaut weg. Ganz und gar. Und er langt sie nicht an. Die Menschen sollen verstehen: Dieses Kind ist nicht von ihm. Maria ist Jungfrau. Hier ist Gott im Spiel.

Und Maria wird so dargestellt, dass sie als Jungfrau zu erkennen ist: Ihr Unterleib ist in eine blaue Decke gehüllt. Sie liegt in Falten, die an Wellen erinnern, verjüngt sich nach unten und endet in zwei Zipfeln. Zu ihren Füßen liegen zwei lange weiße Strümpfe. Sie liegen da wie abgestreifte Häute, die sie nicht mehr braucht, weil sie keine Beine mehr hat. Wir sehen Maria als Meerjungfrau.

Ochs und Esel, vor allem beim Ochsen sieht man es, sind abgemagert. Mit erhobenem Kopf schreien sie vor Hunger. Sie stehen in einem runden Pferch, einem Flechtzaun, der mit seiner Öffnung direkt in die Liege und die darauf liegende Maria übergeht.

Dieses Motiv ist in der bekannten christlichen Kunst fremd. Und nachdem unsere religiösen Bilder und Traditionen immer irgendwo Anleihe nehmen – auch unsere katholische Tradition unterscheidet sich ja von den biblischen Erzählungen deshalb, weil so viel aus den umgebenden Religionen übernommen wurde – bin ich im Internet auf die Suche nach einer Göttin in der Gestalt einer Meerjungfrau gegangen. Tatsächlich: es gab eine. Sogar eine, die vor allem in Israel verehrt wurde: Atargatis (griechisch) oder Atar’ata (aramäisch), die Hauptgöttin von Askalon in Israel, eine syrisch-semitische Mutter- und Fruchtbarkeits- sowie Vegetationsgöttin. Sie wurde u.a. angerufen, wenn es Dürren, Missernten und Hunger gab. Sie hatte den Oberkörper einer Jungfrau und den Unterkörper eines Fisches. An einem Teich oder einem Fluss wurden ihr Opfer dargebracht. Fische waren ihr heilig, deshalb aßen die Bewohner von Askalon keine Fische.

Ein Mythos erzählt, dass Atargatis in Gestalt eines Eies vom Himmel kam und im Fluss Euphrat landete. Dort brach sie die Schale auf und stieg heraus – so schön, dass die Menschen vor Entzücken auf die Erde fielen.  

In dem Bild der Maria von 1370 entdecke ich auch das Symbol der Göttin Atargatis: Der Pferch mit Ochs und Esel ist rund und offen wie das aufgebrochene Ei. Hier symbolisiert der runde Pferch für mich die Schöpfung, die Natur, der Maria entspringt. Sie schlüpft aus ihrer menschlichen Haut (die Strümpfe) und ist als jungfräuliche Göttin und als Hervorbringerin des Lebens abgebildet: sie bringt Jesus hervor, den Gottessohn. Bemerkenswert finde ich, dass hier in dem Symbol Fisch eine Verbindung zwischen Maria und Jesus aufgezeigt wird. Das Erkennungszeichen Jesu wurde ja ebenso der Fisch, im Griechischen Ichtys, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben von: Jesus Christus Sohn Gottes Erlöser.  

Vielleicht beeindruckt Sie ja diese künstlerische Freiheit, durch die Maria mehr göttliche Handlungskraft zugeschrieben wird. Vielleicht aber regt sich bei Ihnen auch Widerstand. Maria als Göttin darstellen? Ist das denn richtig? Darf man das? Das ist eine wunderbare Frage, denn so können wir einen Blick auf den Unterschied von Religion und christlicher Spiritualität werfen. Seit Menschengedenken funktioniert Religion folgendermaßen: der Mensch wendet sich in seinem Leid an einen Gott oder eine Göttin. Ganz im Ursprung waren es meistens Fruchtbarkeits- und Vegetationsgottheiten, die um Hilfe gebeten wurden, wenn der Regen nicht kam. Das ging nach dem Prinzip „Do ut des“, das ist lateinisch und bedeutet: „Ich gebe, damit du gibst.“ Also man vollbringt eine Leistung im Glauben, um dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Manchmal handelt es sich bei dieser Leistung um ein Opfer. In diesem Zusammenspiel ist die Gottheit die ganz andere, die mächtige Göttin, der mächtige Gott, der oder die mir hoffentlich hilft, wenn ich nur genug bete oder mich richtig verhalte. Oder wenn eine Zwischeninstanz, ein Priester (oder z.B. bei den Kelten auch eine Priesterin) mein Opfer darbringt, damit die Gottheit sich mehr geehrt fühlt und noch eher tut, was ich will. Kommt uns das bekannt vor? Jesus hat nie die religiöse Leistung gewollt, immer nur den Glauben. Aber wir Menschen sind wohl so. Es liegt uns einfach im Blut, Gott etwas zu geben, damit er hilft. Die religiöse Haltung ist also auch im Christentum ganz schnell wieder zum Tragen gekommen. Und ich vermute, Maria auf unserem Weihnachtsbild ist aus dieser Haltung heraus gemalt worden.

Vielen Menschen wird ja auf diesem Weg göttliche Hilfe zuteil. Gerade von Maria erfahren viele Menschen Hilfe und Heilung.

Ganz oft aber hilft das nicht. Wie viele Klagen gibt es, dass ein Gebet nicht erhört wird? Wieviel Leid und Gewalt bestimmt unser Leben, obwohl so viel gebetet und geopfert wird? Hilft uns Gott wirklich, Krieg und Katastrophen zu bannen? Kann er das? Warum tut er es dann nicht?

Ein anderer Weg ist der geistliche Weg der christlichen Spiritualität. Hier geht es nicht darum, sich Gott gewogen zu machen (was ja eigentlich eine Art Manipulation ist…). Hier geht es darum, sich durch geistiges Üben, meistens Kontemplation oder Meditation, mit Gott zu vereinigen bzw. Gott in sich Raum zu geben. Damit ändert man zwar nicht die Situation, die Angst macht, aber die Angst in meinem Inneren kann verschwinden. Ich kann die anderen nicht ändern, nicht manipulieren, weder meine Mitmenschen noch Gott. Aber ich kann mich ändern. Ich kann aufhören, mich klein und schwach zu sehen. Ich kann mich selbst als groß und wunderbar und von Gott geliebt sehen. Und mir das immer wieder sagen. Das bringt Licht in mein Leben.

Der Abt des US-Amerikanischen Trappistenklosters Genesee Dr. John Bamberger (1926-2020) erklärt das theologisch. Er schreibt: „Wir leben, weil wir Anteil an Gottes Odem, an Gottes Leben, an Gottes Herrlichkeit haben. Die Frage heißt im Grunde nicht: Wie können wir so leben, dass wir Gott verherrlichen?, sondern: Wie können wir leben als die, die wir sind; wie können wir unser tiefstes Wesen verwirklichen?“ Er sagt: „Sie sind der Ort, den Gott sich zur Wohnung auserwählt hat. Und das geistliche Leben besteht in nicht mehr oder weniger als in dem Versuch, diesen Ort, an dem Gott wohnen kann, zur Existenz zu verhelfen und den Raum zu schaffen, in dem sich seine Herrlichkeit offenbaren kann. Wo ist die Herrlichkeit Gottes? Wo könnte die Herrlichkeit Gottes sonst sein, wenn nicht dort, wo ich bin?“

Botschaft vom 2. Weihnachtsfeiertag (Stephanus) 2022

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