Einführung:

Das Patrozinium ist DAS Fest dieser Kirche. Heute würden wir sagen, es ist unser Programm, so wie man sagt: Der Name ist Programm. Petrus als unser Namenspatron erinnert uns an die Grundlage unserer Kirchengemeinschaft, an den festen Boden, auf dem wir stehen, an den Fels, auf den Christus seine Kirche gebaut hat. Die Grundlage war und sind immer Menschen, die sich vom Gottvertrauen anstecken lassen und sich für andere und für das Leben einsetzen. So wie Petrus. Und so ist das heutige Patrozinium vor allem ein Fest des Dankes an alle, die sich seit vielen Jahren in vielen verschiedenen Bereichen in der Pfarrei St. Peter einsetzen. Sie schaffen Lebensraum, Hoffnungsraum, (…)

Der neu erstrahlte Kirchenraum lädt uns nun zur Feier des Tages ein, in der Predigt unser Altarbild mit Petrus zu betrachten und darin – in Verbindung mit den heutigen Tageslesungen – zu entdecken, was uns heute in all den bedrohlichen Entwicklungen weltweit Kraft und Zuversicht geben kann.

Predigt (Bezug zur Lesung: Jesaja 66,10-14c):

Liebe Gemeinde!

Was heißt eigentlich Patrozinium? Dass der Name Programm ist, ist ja eine ganz moderne Deutung. Was wir allgemein wissen, ist, dass der Heilige der Kirche gefeiert wird, der Namenstag der Kirche. Ich wollte es genau wissen und habe nachgeschaut: Es geht um die Schutzherrschaft eines Heiligen über eine Kirche. Es geht um Schutz durch Herrschaft.

Das kommt in unserem Altarbild zum Tragen. Otto Graßl hat es 1952-1954 gemalt. Zehn Jahre vor dem zweiten Vatikanischen Konzil. Das ist wichtig.

Schauen wir einmal hin!

Wir sehen Petrus. Er sitzt auf einem Fischerboot, wie auf einem roten Sitz. Das Boot und die Füße von Petrus ruhen auf einem Felsen. Das Boot und der Felsen wirken zusammen wie ein Thron, auf dem Petrus sitzt. In seiner Rechten, also von uns aus links, hält er das Kreuz wie ein König das Zepter. Es ist das Papstkreuz mit drei Querbalken. Sie symbolisieren die drei Päpstlichen Gewalten: die Priester-, Hirten- und Lehrgewalt. In seiner Linken hält er die Himmelsschlüssel wie ein König die Weltkugel oder den Reichsapfel. So wie ein König über die Erde herrscht, so herrscht Petrus über den Himmel. Das bezieht sich auf die Bibel, wo es in Mt 16,19 heißt: „Was du auf Erden bindest, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden löst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ Daraus ergibt sich, dass Petrus immer mit zwei Schlüsseln dargestellt wird. Der eine Schlüssel symbolisiert die Bindegewalt und der andere die Lösegewalt. Über oder auf seinem Kopf sehen wir wie eine übergroße Doppel-Krone drei Engel, die ein Netz voller Fische halten sowie darüber den auferstandenen Jesus mit dem Kreuz, einem aufstrebenden roten Tuch, umgeben von einem dreifarbigen Kreis, der im Inneren blau ist.

Wenn wir uns diese alte Bildsprache und diese alte Kirchensprache anschauen, fällt auf, dass da passend zu dem vorkonziliaren Kirchenverständnis viel von Herrschen und Gewalt die Rede ist. Auch das strenge Gesicht von Petrus, das ihn weniger als einfachen Fischer, sondern mehr wie einen spätmittelalterlichen Papst zeigt – und die schuldbewussten und zerknirschten Gesichter der Kirchenlehrer drücken das aus. Mit dem zweiten Vatikanischen Konzil gibt es einen Umbruch. Statt Herrschen geht es in der Kirche um Dialog. Die Gläubigen sind nicht mehr die Untertanen der Kirche, sondern sie sind selbst Kirche.

Natürlich ist dieser Umbruch nicht reibungslos gelungen. Es gab viel Aufbruch. Die Räte wurden eingeführt, demokratisch gewählt. Die Gemeinden sind aktiv geworden. Kirche ist vor Ort in einer lebendigen Gemeinde entstanden. Und doch besteht das alte herrschaftliche System in der Kirche weiter. Macht und Gewalt gibt es immer noch. Die Opfer melden sich inzwischen und bekommen eine Stimme. Und immer noch ist es ein mühsames Ringen, bis die selbstverständlichsten Erwartungen an einen wertschätzenden Umgang mit allen Kirchenmitgliedern überhaupt gehört und ernstgenommen werden. Der „Synodale Weg“ zeugt von diesem Ringen. Diese Woche war ich auf einer Fortbildung mit der Ordensschwester und Theologin Sr. Philippa Rath. Sie arbeitet mit in dem Workshop über die Stellung der Frau und hat uns berichtet. Ich selbst hatte nicht mehr viel Hoffnung auf den Synodalen Weg gesetzt, weil aus Rom so ablehnende Töne kommen. Und wir fragten Sr. Philippa: Hast du Hoffnung, dass sich etwas für die Frauen in der Kirche verändert? Sie meinte: „Ja“, und vor allem: „Es verändert sich jetzt schon viel!“ Es gibt da Bischöfe, die kannten einfach keine Frauen, und auf den Synodalversammlungen saßen sie nun alphabetisch geordnet nebeneinander. Da saß dann u.a. eine junge Frau neben einem älteren Bischof und beide haben ganz neu Kontakt bekommen. Einmal kam Sr. Philippa mit einem Bischof auf die Priesterweihe für Frauen zu sprechen. Da sagte er abwehrend: „Ich kenne keine Frau, die die Priesterweihe will.“ Und Sr. Philippa antwortete: „Ich schon. Einige.“ Und so lud sie die 13 Frauen, von denen sie es wusste, ein, ihr ihre Geschichte über ihre Berufung zu schicken. Diese 13 haben die Einladung weitergegeben und am Ende kamen 150 erschütternde Berichte zusammen, von Frauen, die sich berufen fühlen und diese Berufung nicht leben können. Sr. Philippa hat diese Briefe in einem Buch herausgegeben mit dem Titel: „Weil Gott es so will.“ Dieses Buch hat viele Bischöfe sehr berührt und selbst erschüttert, so dass jetzt schon ein großes Umdenken angefangen hat. (Ergänzung und Bestätigung: Ein Tag nach dieser Predigt hat sich Kardinal Marx für die Diakoninnen-Weihe ausgesprochen.)

Dennoch leben wir mit der Wirklichkeit, dass in dem „System Kirche“ v.a. Kleriker sowie Ordensangehörige ihre Macht vielfach missbraucht und die Menschen nicht liebevoll zu Gott gerufen haben, wie es Petrus, der Menschenfischer, eigentlich in Jesu Auftrag tun sollte, sondern dass die Menschen oft wie Fische im Netz gefangen waren und z.T. auch noch sind und keine Luft mehr bekommen.

So wirkt unser Altarbild auf mich heute wie eine Einladung, in zwei Richtungen zu schauen: einmal auf die verletzende Wirkung von Machtmissbrauch direkt auf die Betroffenen und indirekt auf uns als Gemeinschaft. Viele wenden sich von der Kirche ab.

Und andererseits lädt das Bild ein, tiefer zu schauen, nämlich auf die biblische, Botschaft. – Bzw. auf eine bestimmte biblische Botschaft, denn sowohl im Alten wie im Neuen Testament (in den Endzeitreden) gibt es das Bild eines gewaltigen Herrscher-Gottes. Kriegs- und Notzeiten hatten ein strafendes und rächendes Gottesbild „notwendig“ gemacht. Das hat unsere vorkonziliare Kirche geprägt. Viele von uns Älteren sind noch damit aufgewachsen. Genauso gibt es aber das Gottesbild Jesu vom liebenden, verzeihenden Gott auch schon im Alten Testament. Gott wurde als „Ich bin da“ erfahren, Jahwe, der mit uns durch alle Tiefen des Lebens geht. Und Jesaja beschreibt Gott als sanften, mütterlichen Gott.

Heute in der Lesung hörten wir davon. Die Stadt Jerusalem wird dort zum Bild für Gott Mutter. Sie liebt ihre Kinder und nährt sie. An ihrer Brust trinken alle Trauernden und werden von ihren Tröstungen satt. Sie laben sich an der Brust ihrer Herrlichkeit.

Gott leitet Frieden wie ein Strom zu Jerusalem, aus dem alle Menschen trinken können. Auf der Hüfte werden sie getragen, auf Knien geschaukelt und getröstet. Das Herz wird wieder leicht und froh.

Und da heißt es: „Eure Knochen werden sprossen wie frisches Grün.“ Das meint: das was zerstört, tot und hoffnungslos war, wird neues Leben hervorbringen. Jede große Krise lässt Kräfte wachsen, die etwas Neues aufbauen. Das zeigt die Geschichte.

So will uns diese Lesung auch Hoffnung für unsere Krisen in Kirche und Gesellschaft geben. Tod und Zerstörung bleiben uns nicht erspart. Aber es gibt eine göttliche Kraft, die uns innewohnt. Sie lässt Neues entstehen. Neues Zusammenkommen, neue Ideen, neues Leben.   

Und so können auch wir heute ein ganz anderes Gottesbild als das des gewaltvollen Herrschers miteinander lebendig werden lassen: das Bild von Gott – weiblich und stillend, nährend und aufbauend, heil und rund.

Und genau das finden wir auch in unserem Altarbild. Hier müssen wir nicht tiefer, sondern höher schauen. Wie eine Perle ruht die Dreifaltigkeit in der Engelskrone. Der Kreis zeigt sich als Symbol für Gott. Mit dem Dunkelblau wirkt er wie ein Brunnen, aus dem das Leben strömt, so wie bei Jesaja der Frieden strömt. Die rote bewegte Kraft, der Heilige Geist, die Geistkraft, belebt und schenkt Energie. Und der Auferstandene sprosst – wie Grün aus den Knochen – aus dem Tod ins Leben. Wir sehen Gott: rund und voll des Lebens, überquellend.

So verweist uns das Altarbild unseres Kirchen-Patrons Petrus nicht nur auf ein anderes Bild von Gott, sondern damit auch auf ein anderes Bild von Kirche. – Rund, lebendig, im Dialog, in Gemeinschaft. Das ist ein Schutz von innen.

Predigt zum Patrozinium von St. Peter 2022

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