Lebenslauf

Grassl_O_150x150Otto Graßl wurde am 26. April 1891 in München als Sohn eines Antiquars und Kunsthändlers geboren. 1906 begann seine künstlerische Ausbildung durch den Besuch der Städtischen Gewerbeschule München. Von 1908-1910 erweiterte er seine Studien an der Akademie für angewandte Kunst München (ehem. Königliche Kunstgewerbeschule) unter Leitung der Professoren Julius Diez und Maximilian Dasio. Während dieser Zeit entstanden schon erste Entwürfe und freie Kompositionen, und bereits in der Frühjahrsausstellung 1912 der „Sezession München“ konnte er seine Arbeiten zeigen. Es folgte die erste Kollektivausstellung im damaligen Kunstverein München in den Hofgarten-Arkaden. Fortan war er auch in den jeweiligen Jahresausstellungen des ehemaligen „Münchener Glaspalastes“ vertreten.

In den Jahren 1915 – 1916 studierte er erneut, diesmal an der Akademie der Bildenden Künste in München unter den Professoren Max Dörner und Franz von Stuck. Letzterer wies den jungen Künstler in die Bahnen einer stilisierten Naturalistik, einer – wie Graßl sich ausdrückte – „Vereinfachung“ der natürlichen Wirklichkeit durch eine auf feine Farbabstufungen und Nuancierungen verzichtenden Malerei. Doch hat ihn die Auseinandersetzung mit diesem Stil schon im Jahre 1926 zum Expressionismus geführt, der nicht mehr nur die Natur in ihren markanten Linien festzuhalten versucht, sondern sie dem inneren, von persönlichen Gefühlen und Gedanken bestimmten Blick entsprechend zu formen strebt.

Die große Begabung Graßls wurde in München bald erkannt und man widmete ihm Besprechungen in führenden Zeitschriften der Kunst und des Geisteslebens. Er beteiligte sich an internationalen Ausstellungen und war von 1926 – 1928 als Fachlehrer für kirchliche Malerei und Aktzeichnen an der Städtischen Gewerbeschule München tätig, wo er sich auf dem Gebiet der Monumental- und Wandmalerei weiterbilden konnte.

Aber weder die Monumentalmalerei noch die expressionistische Form sollten für Graßl einen Abschluss bilden, obwohl er in seiner expressionistischen Entwicklung einen echten Ausdruck seines innersten künstlerisch-religiösen Meinens sah. Ein außergewöhnliches religiöses Erlebnis in Konnersreuth führte Graßl zu einer wieder mehr an der objektiven Wirklichkeit gemessenen, ins Barocke gehenden Kunst, die ihn noch lange nach seiner Übersiedlung nach Dachau im Jahre 1942 beschäftigte.

Inzwischen hatte er in ganz Bayern und Deutschland kirchenkünstlerische Aufträge größeren Formates erhalten. So schuf er Kreuzwege in Bad Wörishofen, Lindau, Maria Eich, Baden-Baden (Klosterkirche), Berlin, Freising (Erzbischöfliches Klerikalseminar), Bad Reichenhall (Alexiuschor der Münsterkirche St. Zeno, 1930 – 1932), sowie Altarbilder in Kicklingen, München (Kapelle des Erzbischöflichen Palais), Scherstetten und anderen Orten.

Bevor er 1952 – 1954 an sein Werk in St. Peter, Dachau, ging, vollzog Graßl einen letzten, vielleicht den radikalsten Umbruch seines Schaffens, der wohl eine erneute, wesentliche Vertiefung der positiven Elemente des Expressionismus und des Barock bedeutete. Er selbst bezeichnete die neue und wohl auch die seinem Wesen wie auch den Motiven der kirchlichen Kunst am vollkommensten gerecht werdende Stilform als „Ausdruck des Geistes“. Damit meinte er, dass rein geistliche Motive nicht nach unseren natürlichen Vorstellungen dargestellt werden sollen, sondern eben in ihrem geistlichen Charakter. Sie sollen nicht willkürlich, sondern nach allgemeingültigen Form- und Ordnungsgesetzen entstehen.

Wenn Graßl auch eine ganze Reihe von Stilrichtungen durchgemacht hat, so kann man doch bei Betrachtung seines Gesamtwerks die Überzeugung einer echten Vertiefung und eines wahren künstlerischen Reifens gewinnen. Graßls künstlerisches und menschliches Anliegen war stets ein Ringen um den bildnerischen Ausdruck des religiösen Erlebens für den heutigen Menschen. Die Zwiespältigkeit und Heimatlosigkeit des modernen Menschen taucht in Graßls Bildern aus dem Heiligenleben immer wieder in grauenhaft-phantastischen Teufelsfratzen und Dämonengestalten auf. So war die Wendung zur „modernen“ Malerei, zu den gar nicht mehr naturähnlichen Narrenköpfen und Leidensgestalten, der folgerichtige Weg einer ehrlichen Entwicklung. Immer aber war der Gegenstand des künstlerischen Bemühens – auch in jenen Bildern, welche so manchen gar nicht gefielen – der Mensch als leidendes Geschöpf Gottes, das nur durch die Liebe Gottes erlöst wird. Damit aber war Graßl im innersten Wesen – und nicht nur durch die Tatsache, dass er in Kirchen malte – ein religiöser und christlicher Künstler.

Grassl_Grab
Foto: Wolfgang Sturm

Die äußere Anerkennung blieb seiner Arbeit nicht versagt. So konnte Graßl die „Internationale Ausstellung sakraler Kunst“ in Rom mit Erfolg bestehen, und in namhaften Kunstzeitschriften setzte man sich immer wieder mit dem echten Bemühen des persönlich bescheidenen, ja schüchternen Künstlers auseinander.

Otto Graßl starb am 22. November 1976 durch einen tragischen Unfall während eines seiner vielfältigen Spaziergänge. Ganz Dachau trauerte damals um diesen stillen und liebenswerten Menschen. Sein Grab befindet sich auf dem Dachauer Stadtfriedhof in der Nähe der Krumpper-Kapelle (Abt. I Nr. 88).


Quellverweis:

  • „St. Peter erhält ein Altarbild – Ehrenvoller Auftrag für Otto Graßl – Ein Meister der christlichen Malerei“, Artikel in den Dachauer Nachrichten vom 05.12.1951
  • „Der Maler der Dachauer Peterskirche – Otto Graßl und sein künstlerisches Anliegen – Modern im guten Sinne“, Artikel in den Dachauer Nachrichten vom 11.02.1954
  • Ottilie Thiemann-Stoedtner, „Dachauer Maler – Der Künstlerort Dachau von 1801 – 1946“, herausgegeben von Klaus Kiermeier, Verlagsanstalt Bayerland Dachau, 1981, S. 147 – 151
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