Die Innenarchitektur des Kirchenraumes ist eine wohlausgewogene Verbindung von moderner Sachlichkeit und hergebrachtem, ländlichen Kirchenstil. In diesem, an romanische Kirchen erinnernden Raum mit seiner strengen architektonischen Schönheit, zu der insbesondere die Decke aus Holz wesentlich beiträgt, fehlte lange Zeit jeglicher künstlerischer Schmuck.

Da nun ein neuzeitlicher Kirchenbau nur eine moderne künstlerische Ausgestaltung verträgt, suchte Stadtpfarrer Nikolaus Schwankl lange Zeit nach geeigneten Entwürfen für ein an der Rückwand des Presbyteriums vorgesehenes großes Wandgemälde. Dieses sollte, wenngleich vom Gewohnten und Althergebrachten abweichend, alle Kirchenbesucher ansprechen, Menschen aus allen Bevölkerungskreisen, jeden Alters und verschiedener Bildungsstufen, und ihnen wirklich etwas zu sagen haben.

Nach reiflicher Überlegung fiel die Wahl auf einen Entwurf von Otto Graßl, jenes seit 1942 in Dachau wohnhaften Künstlers, dessen gesamtes, vielfachen Wandlungen unterworfenes Schaffen im Religiösen wurzelte und der an der Neubegründung der christlichen Kunst Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts einen Hauptanteil hatte.

Das Wandgemälde an der Rückwand des Presbyteriums, das Graßl ganz allein ausführte, ist traditionsgemäß dem Namenspatron der Kirche gewidmet. Es zeichnet sich dadurch als "modern" aus, dass die Figuren nicht "natürlich", also nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut, sondern eher "stilisiert", oder wie Graßl sagte, "abstrakt" gemalt sind. Mit strenger Form- und unaufdringlicher Farbgebung erzielte der Künstler von ungefähr die Wirkung eines frühchristlichen Kunstwerks. Die Symbolik kommt derart klar und unmissverständlich zum Ausdruck, dass sie gerade auch den einfachen, unverbildeten Menschen tief beeindruckt.

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Foto: privat

Graßl verzichtete dabei auf die verlockende Gelegenheit, irgendeine der überlieferten Szenen aus dem Leben des Heiligen darzustellen. Stattdessen zeigt das Werk den auferstandenen Christus in der himmlischen Glorie dargestellt.

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Foto: Hans Schertl

Als Boten Gottes reichen darunter Engel ein mit Fischen gefülltes Netz zu dem auf einem Felsen und einem Schiff sitzenden, mit Bischofsstab und Himmelsschlüsseln ausgestatteten Petrus herab, einem einfachen Fischer, den Christus zum Menschenfischer gemacht, und dem er die Schlüsselgewalt in seiner Kirche verliehen hat.

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Foto: Hans Schertl

Beiderseits von Petrus sind die sechs Kirchenväter als Sinnbild der Weisheit der Kirche dargestellt, vom Betrachter aus gesehen zu seiner Linken der Hl. Bonaventura, der Hl. Augustinus (mit Kind/Engel) und der Hl. Papst Gregor der Große (mit Taube), ...

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Foto: Hans Schertl

... zu seiner Rechten der Hl. Ambrosius, der Hl. Hieronymus (mit Löwe) und der Hl. Thomas von Aquin.

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Foto: Hans Schertl

Darunter stehen die Worte aus dem Matthäus-Evangelium (Mt 16,18): "Tu es Petrus et super hanc Petram aedificabo ecclesiam meam et portae inferi non praevalebunt adversus eam", zu deutsch: "Du bist Petrus der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen".

Was die technische Seite betrifft, so verwendete der Künstler hier Keim-Mineralfarben, die, wie er meinte, "zuweilen ihre Mucken haben", aber - was wichtig ist - steinhart werden, lichtbeständig und gegen Feuchtigkeit unempfindlich sind. Diese in Pulverform vorliegenden Farben wurden in einem Fixativ aufgelöst und mit dem Pinsel auf die trockene Wand aufgetragen. Graßls Komposition, mit sparsamsten, malerischen Mitteln zu arbeiten, die großen Figuren einfach und ohne Hintergrund an die Wand zu setzen, passt sich wohltuend dem grundlegenden Stil des Gotteshauses an.

In denselben lichten Farben, nur eine Nuance heller, damit dem Bild an der Rückwand des Presbyteriums gewissermaßen keine Konkurrenz gemacht wird, schuf Graßl auch die Gemälde neben und über dem Chorbogen.

Hoch oben über dem Chorbogen sind die "vier Wesen, voll der Augen vorn und hinten", von denen in der Offenbarung des Johannes (Offb 4,6-8) die Rede ist, Löwe, Stier, Engel (Mensch) und fliegender Adler - nach kirchlicher Deutung Symbole für die vier Evangelisten Markus, Lukas, Matthäus und Johannes - dargestellt. Dazwischen stehen die Worte: "Sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus omnipotens", zu deutsch: "Heilig, heilig, heilig, Herr, allmächtiger Gott".

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Fotos: Hans Schertl

Die linke Wand neben dem Chorbogen zeigt die Madonna mit dem Kind, auf der rechten Seite sieht man Josef und den Jesusknaben. Auch hier herrscht in der Komposition und im Figürlichen Ordnung, Klarheit, Betonung des Überindividuellen und Allgemeingültigen, was die Weglassung aller Zufälligkeiten bedingt.

Das Kind mit der Schriftrolle in der Hand symbolisiert die göttliche Weisheit, und Maria, die sich zu ihm hinneigt, soll Sinnbild der Meditation, des Gebets sein. Josef mit dem Hobel hingegen ist Repräsentant der Arbeit, und der Winkel - wie ein Teil des Kreuzes - in der Hand des Knaben deutet das kommende Leiden Christi an.


Quellverweis:

  • "St. Peter erhält ein Altarbild - Ehrenvoller Auftrag für Otto Graßl - Ein Meister der christlichen Malerei", Artikel in den Dachauer Nachrichten vom 05.12.1951
  • "Eine Kirche mit moderner Malerei - Otto Graßls neues Wandgemälde in St. Peter vor der Vollendung", Artikel in den Dachauer Nachrichten vom 11./12.10.1952
  • "Das Heilige - in lichten Farben dargestellt - Neue Wandgemälde und Altäre in St. Peter", Artikel in den Dachauer Nachrichten vom 28./29.11.1953
  • Nikolaus Schwankl, "St. Peter Dachau - Kirche und Pfarrgemeinde", Broschüre erschienen im Libertas Verlag für Kirche und Heimat, Hubert Baum Stuttgart, 1963
  • Hans Schertl, "Kirchen und Kapellen im Landkreis Dachau", www.kirchenundkapellen.de
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